
Kunstankäufe des Landes Vorarlberg 2022
Kunstraum Remise Bludenz, 28.04.—11.06.2023
Kuratiert von Isabella Marte und Andrea Fink
Schale mit Cerberus und brennendem Herz
Schale mit Frau und Sternen
Schale mit Augenidol
Steinzeug und Farbkörper, ca. 32x15cm, 2022








Artist Statement Amrei Wittwer 2022
zum Anlass der Ausstellung "Von der Zeichnung und darüber hinaus", kuratiert von Nadine Moser in der Villa Claudia.
Die Schalen wurden aus dieser Ausstellung angekauft.
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Artefakte mit Zeichnungen sind heute wie damals nicht nur Alltags-Gegenstände. Als kultische Objekte gehören sie zu magischen Gegenwelten. Sie können zum Wunsch des Menschen nach Nähe, Schutz und Zuspruch beitragen, mit ihnen sollen Geliebte gewonnen, Gefahren gebannt werden. Ein Apotropaion ist ein Gegenstand oder Bild zur Abwehr von bösen Kräften. Ein Liebeszauber hat den Zweck, echten Affekt und wahrhaftes Begehren in der betroffenen Person hervorzurufen. Amrei Wittwer beruft sich nach archäologischen Recherchen auf prähistorische und historische Motive, um der Wirksamkeit der Zeichnung auf Keramik und Holz nachzuspüren.
Definition von Zeichnung
Die Zeichnung gehört zur Grafik, einer nichtmalerischen, zweidimensionalen Technik. Eine Zeichnung ist eine Serie von Markierungen auf einer Oberfläche, die mit einem Werkzeug gemacht werden. Dabei hinterlässt das Werkzeug einen Rückstand (Zeichnung) oder eine Aussparung (Sgrafitto) auf der Oberfläche, eine Spur seiner selbst, eine Erinnerung, wo es gewesen ist.
Die Zeichnung als Schwelle zum Anderen[1]
Eine Zeichnung hat etwas Magisches. Man bewegt die Hand über eine Oberfläche und etwas Neues erscheint, vielleicht etwas Bekanntes, oft etwas Seltsames: Der Mystiker Meister Eckehard schreibt „wenn die Seele etwas erfahren möchte, dann wirft sie ein Bild der Erfahrung vor sich und tritt in dieses ein“. Das Bild ist in diesem Verständnis eine Schwelle, die in neue Dimensionen der Bedeutung führt. Das eine Bild gründet mit der einen persönlichen Erfahrung ein Symbol. Symbol sind offen für unterschiedliche Interpretationen. Dennoch können sie einen Teil des kollektiven Unbewussten fassen.
Die Zeichnung ist ausserdem eine Aufnahme von Erfahrung: Sie zeigt die Geschichte ihrer eigenen Entstehung und reflektiert den psycho-physiologischen Zustand der Person, die zeichnet. Der Keramiker Tarragon Smith bezeichnet ein Artefakt als eine Verlängerung vergangenen Lebens. Der Betrachter stattet das Artefakt mit Leben aus, wenn er es aufnimmt, ihm Bedeutung gibt.
Eine Zeichnung hat Ding-Charakter, egal ob sie auf hauchdünnem Papier oder Stein ausgeführt wurde. Als Ding illustrierte sie laut dem deutschen Philosophen Byung-Chul Han „kein klares Konzept, sondern ein unbestimmtes Fieber… Dieser Bedeutungsüberschuss verdankt sich paradoxerweise aus dem Verzicht auf Bedeutung.“ Das Kunstwerk als Ding gehört laut Han zu den translatorischen Objekten. Translatorische Objekte sind die Übergangsobjekte der Kindheit, die wir zugleich in und ausserhalb des Selbst wahrnehmen. Während allen Stadien unseres Lebens suchen wir weiter nach solchen Objekten, und nach der Offenheit, die sie erzeugen. „Das Übergangsobjekt hat ein gewisses Eigenleben, stellt sich als selbständiges, personales Gegenüber dar. Es wird symbolisch aufgeladen“. Han lobt die Übergangsobjekte als reizarm, sie intensivieren und strukturieren die Aufmerksamkeit, stabilisiert die Psyche, stiften eine Beziehung zum anderen: sie sind wirksam und können auch zu Heil beitragen. [2]
Die Sehnsucht nach Beistand
Der Körper ist eine temporäre Leihgabe, über die wir nur eine kurze Bewusstseinsspanne verfügen. Die eigene Verletzlichkeit und am Ende gar Sterblichkeit sind ein unerträglicher Angriff auf das Selbst. Wir wollen nicht auf die Welt geworfen sein, wir suchen Schutz und das Gefühl getragen zu sein, wir suchen Transzendenz, Anbindung an Ewiges, oder zumindest das Dauernde: „…Herr, du kennst meinen Weg.“ Zu diesem Zweck erschafft der Mensch sich jedenfalls seit etwa fünfzigtausend Jahren kulturelle, magische Gegenwelten. Mit speziellen, kultischen Objekten und Vorkehrungen sollen Gefahren gebannt werden, Geliebte gewonnen und die Annäherung an ein mächtiges Anderes, - vielleicht seine Besänftigung erfolgen.
Ein Apotropaion ist ein Gegenstand oder Bild zur Abwehr von bösen Kräften. Ein Liebeszauber hat den Zweck, echten Affekt und wahrhaftes Begehren in der betroffenen Person hervorzurufen. Ein Aphrodisiakum soll im Gegensatz dazu sexuelle Erregung und Lust steigern. Religionsphänomenologisch gehören Apotropaion, Liebeszauber und Aprodisiakum zu einem Teilbereich der Magie.
Die Wirksamkeit von Magie
Das Zeitalter der Aufklärung ist mit über 200 Jahren lange her. Niemand von uns hat es erlebt, an manchem sind seine Grundsätze spurlos vorbei gegangen. Dank Schulpflicht erlernen wir lesen und schreiben, aber wir verharren in vor/mittelalterlicher Denkweise: Zwanzig Prozent der österreichischen Bevölkerung glaubt 2022 an Verschwörungstheorien. Wir haben nicht gelernt, Quellen zu prüfen. Der Glaube rückt zurück an die Stelle von wissenschaftlichen Techniken. Vertrauen gilt dem Hausverstand, nicht den Experten. Religiöse Weltbilder prägen einen Teil des öffentlichen Lebens. Ein U-Tube Video ersetzt ganz leicht des mühsamen Erlenen, Verstehen und Interpretieren empirischer Erkenntnisse. Aberglaube und alte Religionen liegen im Trend, Engel und Geisteswesen erfahren Hochkonjunktur im Privathaushalt und pseudowissenschaftliche Verklärung. Im Jahr 1999 überarbeitete der Vatikan das Handbuch zur Teufelsaustreibung. Zu Bestrafung unliebsamer Millenials werden Voodoo Puppen verwendet. Das Tragen oder Benutzen eines – oftmals aus einem völlig anderen Kultur Kreis stammenden – Talismans (arab.) oder Amuletts (lat.) ist weit verbreitet.
Schon der römische Arzt Soranos vertritt eine moderne Sicht auf die positive, heilende Placebo-Wirkung von Schutzzauber. Er hält in seinem Werk über Frauenkrankheiten (Gynaikeia, um 100 n. Chr,) fest, dass: „… wir nicht im Mindesten an die Schutzwirkung von Amuletten glauben. Trotzdem sollte man es zulassen, dass sie verwendet werden. Denn wenn sie auch keinerlei Wirkung haben, verleihen sie doch möglicherweis der Kranken neue, seelische Kraft, weil sie auf die Wirksamkeit hofft.“
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[1] Grafik: nichtmalerische, zweidimensionale Technik; Zeichnung: Werkzeug hinterlässt einen Rückstand auf einer Oberfläche hinterlässt; Sgraffito: Werkzeug hinterlässt eine Markierung auf einer Oberfläche
[2] Undinge, Byung-Chul Han 2021, S 78